Aus dem Jahrbuch "Waldbach - 750 Jahre

Ein neuer Pfarrer zieht auf


von Hans-Heinz Schmidt

Am 29. Mai 1756 war für Waldbach und seine Filialorte ein großer Tag. Alles war auf den Beinen, um den neuen Pfarrer Georg Eberhardt Römer willkommen zu heißen. Bis es aber so weit war, mussten die vier Gemeindepfleger zuerst einmal tief in ihre Gemeindekasse greifen, denn in altwürttembergischer Zeit konnte ein Pfarrerwechsel richtig teuer werden. Eine "Consignation dererjenigen Unkösten, welcher uf den Ufzug des Herrn Pfarrer M. Römers allhier verwendet und von denen vier Pfarrorten Waldbach, Dimbach, Rappach und Scheppach mit einander prästiert worden" gibt uns einen anschaulichen Einblick:7

Am 4. Mai schickte der neuernannte Pfarrer Römer von seinem bisherigen Dienstort Möckmühl einen Boten, um "zu notifizieren, daß er zur hiesigen Pfarr gnädigst promoviert seie und uf den Sonntag Jubilate seine ProbPredigt allhier abzulegen, auch sich zu präsentieren habe". Als Belohnung erhielt der Bote 30 Kreuzer und ein Vesper für 12 Kreuzer. Zwei Tage später setzten sich die Deputierten aus den vier Pfarrorten in Waldbach zusammen, um zu beraten, wie der neue Herr Pfarrer "zu seiner Präsentation von Möckmühl hierhero transportiert werden möchte". Als Ergebnis wurde festgehalten, dass Stabschultheiß Würth den Kandidaten "in einer Kutschen" abholen sollte. "Vor ihre Mühe und Zeitversäumnis" wurde ihnen Wein und Brot für zusammen 26 Kreuzer gereicht. "Den 8. Mai kam Herr Pfarrer mit seiner Frau Liebstin und Herrn Schwager von Gemmingen allhier an, um sich zur hiesigen Pfarr durch Produzierung seines fürstlichen Befehls zu legitimieren und sodann seine Probpredigt abzulegen." "Nach abgelegter Probpredigt" nahmen die Ehrengäste (Pfarrer und Frau, Schwager, die vier Ortsvorsteher und die Schulmeister sowie "Herr Special" aus Neuenstadt) ein gemeinsames Essen ein. Da die Rückreise wegen des beschwerlichen Wegs nach Möckmühl erst am nächsten Tag erfolgen konnte, musste die Gemeinde auch noch für das Abendbrot, das Nachtquartier und ein Frühstück Sorge tragen. Für alles zusammen stellte Wirt und Stabschultheiß Würth eine Rechnung über 16 Gulden und 6 Kreuzer aus. Dazu kamen noch die Kosten für die dreitägige Reise (Miete für die Kutschen von Rößlewirt Meissner in Schwabbach, Stadtschreiber Beyer in Möckmühl und Stabschultheiß Würth, Pferdefutter, Zehrung für die Reisegesellschaft, Reparaturkosten für einen Radbruch, Zeitaufwand für den Stabsschultheißen) von 12 Gulden 34 Kreuzer.

Nun ging es an den Umzug: Hansjörg Schuh aus Waldbach wurde für zwei Tage nach Möckmühl geschickt, "um das Nötige beim Auf- und Abladen zu besorgen". Dabei wurden für das umfangreiche Mobiliar des neuen Pfarrers fünf Fuhrwerke benötigt: Da Waldbach für zwei Tage eine Kutsche mit vier Pferden für die Pfarrfrau und Kinder stellte, musste das Dorf nur noch einen "½ Wagen zu Transportierung der Bagage anschaffen". Mit Pferden und Begleitung ergab das 3 Gulden 40 Kreuzer. Dimbach hatte dagegen genauso wie Rappach und Scheppach anteilsmäßig 1 ½ Wagen mit 6 Pferden und 3 Mann für die "Mobilien" zu stellen (31 Gulden 30 Kreuzer). Auch das Pfarrvieh musste eigens von Möckmühl hergeführt werden. Damit waren zwei Männer aus Waldbach und ein Mann aus Dimbach zwei Tage lang beschäftigt.

Am Einzugstag (29. Mai) machten Pfarrer, Kutscher und die Begleitpersonen unterwegs in Brettach eine Mittagspause. Dort nahmen sie eine Mahlzeit für 1 Gulden und 53 Kreuzer ein. Nach der Weiterreise trafen sie beim Steinernen Tisch auf das Empfangskomitee aus der Kirchengemeinde. Bis hierher waren die Gerichts- und Ratspersonen aus Waldbach und Dimbach sowie die "Schützenkompanie der vier Orte" mit ihren Offizieren der aufziehenden Pfarrfamilie entgegen gezogen, um ihnen anschließend das Ehrengeleit nach Waldbach zu geben. Vor Ort und "im Durchmarsch" bei Schultheiß Schramm in Dimbach wurde dem aufziehenden Pfarrer, den Ehrengästen, den "Officiers der Schützenkompanie" und den Schützen Wein und Brot gereicht. Die Ausgaben für diese "geringe Zehrung" beliefen sich zusätzlich zu den Kosten für die angemietete Kutsche auf zusammen 5 Gulden 36 Kreuzer. In Waldbach angekommen "wurde dem Herr Pfarrer M. Römer mit seiner Ökonomie in Begleitung seiner beeden Hrn. Schwäger und dessen Frau Liebstin, Kinder und Gesind aus einer überall üblichen Schuldigkeit zum Anstand, beiwesend der vier Ortsschultheißen, Anwälte und Schulbedienten ein Mittagessen gegeben und dadurch von 14 Personen samt Postillion und Pferden" insgesamt 13 Gulden 44 Kreuzer verzehrt.

Schließlich war die vorstehende Kostenrechnung durch die Schultheiße und Anwälte aufzustellen, was Kosten von rund 5 Gulden verursachte. Erwähnt wird auch, "daß die vier Orte mehrere Fuhren freiwillig präsentiert und untereinander mit den Fuhrfronen verglichen" haben, so dass hier nichts eigens in Aufrechnung kam. Die "Summa sämtlicher Aufzugskosten" belief sich damit auf 103 Gulden 15 kr. Kreuzer, wovon Waldbach, Dimbach, Rappach und Scheppach je ein Viertel übernahmen und unterm 10. Juli 1756 "um gnädigste Decretur (Verfügung, Anweisung) untertänigst gebetten" haben wollten.

Wie sich in der Folge zeigen sollte, war diese Summe gut angelegtes Geld. Pfarrer Römer war trotz mancherlei Schicksalschläge8 34 Jahre lang ein fürsorglicher Seelsorger für das ihm anvertraute Kirchspiel Waldbach. Zwei seiner Nachkommen sind es wert, in die Waldbacher Ortschronik aufgenommen zu werden:

Günther von Römer (1765-1831) war der jüngste Sohn des Waldbacher Pfarrers Georg Eberhard Römer. Im Gegensatz zu seinem älteren Bruder Günther Eberhard (1755- 1834) trat er nicht in die Fußstapfen seines Vaters, sondern machte Karriere am württembergischen Hof in Stuttgart. 1806 wurde er in Anerkennung seiner Verdienste als Kriegskommissar und Verantwortlicher für die Hauptkriegskasse während des dritten Koalitionskriegs von König Friedrich von Württemberg zum Kriegsrat ernannt. Auch in den Kriegen gegen Preußen (1806/07) und Österreich (1809) bewies Römer sein militärisches Geschick. So verlieh ihm Napoleon den Orden der französischen Ehrenlegion. 1817 wurde er zum Oberkriegsrat befördert, und 1823 würdigte der König von Württemberg seine Verdienste um das Militär in Württemberg mit dem Kronenorden und dem Personaladel.9

Weniger erfolgreich war Günter Eberhard Römer, der älteste Sohn des Waldbacher Pfarrers. Verheiratet mit Luise Christine, einer Tochter des Waldbacher Försters Georg Benzinger, war er nach den Pfarrstellen in Erkenbrechtsweiler (1780) und Aichelberg (1800) von 1810 bis 1831 Pfarrer in Bitzfeld. Umso erfolgreicher war dagegen sein Sohn Friedrich von Römer (1794-1864), also der Enkel des Waldbacher Pfarrers Georg Eberhard Römer. Nach dem Besuch der Klosterschulen in Denkendorf und Maulbronn sowie dem Studium in Tübingen trat er 1817 als Jurist in den württembergischen Staatsdienst. Dort brachte er es bis zum Kriegsrat (1831-1833). 1833 verließ er den Staatsdienst und eröffnete eine Rechtsanwaltskanzlei in Stuttgart. Schon früher als Verfechter liberaler Ideen aufgefallen, war Friedrich Römer von 1833-1839 und 1844-1863 als Abgeordneter des Bezirks Geislingen Mitglied der Abgeordnetenkammer des Württembergischen Landtags. Dort spielte es als Führer der liberalen Opposition eine Schlüsselrolle. Als Experte für Rechtsfragen war er im März 1848 Kandidat für das Amt des Justizministeriums, als König Wilhelm I. vor dem Hintergrund revolutionärer Unruhen eine parlamentarische Regierung berufen musste. Er avancierte mit dem Titel "Staatsrat" zum faktischen Chef der Regierung ("Märzministerium"). Wenig später erfolgte seine Wahl in die Frankfurter Nationalverfassung. Dort hinterließ er vor allem im Verfassungsausschuss seine Spuren (liberaler Grundrechtskatalog, weitgehende Souveränität der deutschen Einzelstaaten, Ablehnung eines preußischen Erbkaisertums). Wie groß sein Einfluss war, beweist die Tatsache, dass Württemberg als einziger deutscher Mittelstaat die neue Reichsverfassung annahm. Umstritten bleibt Römers Rolle bei der militärischen Zerschlagung des nach Stuttgart geflüchteten Frankfurter Rumpfparlaments. Ein Teil der Abgeordneten sahen in ihm einen Verräter an der Sache der Revolution, andere wie sein Freund Uhland verteidigten sein Vorgehen. Sein Schwager Sigmund Schott, der Führer der Demokraten, war über sein Verhalten sogar so empört, dass er ihn zum Pistolenduell forderte. Im Oktober 1849 entließ der König das zwischenzeitlich durch die Zeitereignisse entbehrlich gewordene Märzministerium. 1851 wurde Römer zum Kammerpräsidenten gewählt. Er blieb es bis ihn eine Krankheit dazu zwang, sich vom politischen Leben zurückzuziehen. Friedrich von Römer war im Nachhinein die kräftigste und populärste Gestalt unter den in der Revolution von 1848 in Württemberg hervorgetretenen Politikern. Sogar Bismarck meinte später, Römer habe durch sein besonnenes Vorgehen 1849 ganz Deutschland einen Dienst getan.10

Quellen: 7 Abgedruckt bei Rauser, S. 249; der dortige Text ist gekürzt.
8 s.a. Kapitel "Menschenschicksale" (? Elternschmerz).
9 Familienbuch: "Die Familie Römer aus Sindelfingen 1559-1984", vgl. S. 65 ff
10 Familienbuch Römer, vgl. S. 17 + 52 ff.
11 Der Pietismus ist eine Reformbewegung innerhalb der evangelischen Kirche, die die persönliche Frömmigkeit betont (Erweckungsbewegung, Hauskreise, Bibeltreue, Bekehrung und Wiedergeburt).
12 Die hier in Teilen zitierten Briefe sind bei Rauser, S. 249 f. ausschnittsweise abgedruckt; Schuhmacher, vgl. S. 71 f.
13 Vgl. Unterlagen des Kreisarchivs Hohelohekreis, Abteilung Waldbach.