Aus dem Jahrbuch "Waldbach - 750 Jahre


Auf Volkes Mund geschaut


von Hans-Heinz Schmidt

Im März 1959 kam Siegfried Baßler nach dem plötzlichen Tod von Pfarrer Trapp als Pfarrverweser nach Waldbach. Er berichtet uns: Wie es damals üblich war, machte ich alsbald meinen Antrittsbesuch beim Bürgermeister und beim Schulleiter. Lehrer Weinmann, der die Oberklasse mit ihren drei Jahrgängen unterrichtete, klärte mich dabei über meine neue Wirkungsstätte, deren Bewohner und den dortigen Wein gründlich auf. Von Waldbach sagte er: "Vorna Weh ond hinta Ach". Und über den Wein lästerte er: "Wer Vatter und Mueter net folgt, der muss Waldbacher trenka". So schlimm war es aber nicht. Ich habe im Lauf von sechs Jahren in Waldbach manches Fläschlein beim Herrn Schießwohl gekauft für eine Mark und achtzig, wenn ich mich recht erinnere und mit der Zeit den Württemberger, vor allem den Trollinger, schätzen gelernt.

Während meiner Zeit in Waldbach wurden auch einige Aussiedlerhöfe gebaut. Einer dieser Bauern lud mich eines Tages ein, seinen neuerbauten Aussiedlerhof zu besichtigen. Stolz zeigte er mir alles von der Bühne bis zum Keller, von der Küche bis zum Stall. Dabei zählte er auch auf, welche Fehler die ausführende Baufirma gemacht habe. Beim Abschied sagte er treuherzig: "Wisset Se, Herr Pfarrer, s'erschte Mol Baua und s'erscht Mol Heirata sott halt net gelta".

Als wir 1960/61 die Kirche renovierten, statteten wir auch eine Kirchenbank mit Kopfhörern für schwerhörige Gemeindeglieder aus; dummerweise ganz vorne, so dass einige Betroffene sich genierten, da vorne auf dem Präsentierteller zu sitzen. Eines Tages sprach ich einen von ihnen an und fragte: "Warum machen sie denn keinen Gebrauch von der neuen Einrichtung, die wir extra für Sie eingebaut haben?" Die Antwort verblüffte: "Net nötich Herr Pfarrer, I weiß au so, dass älles richtich isch, was Sie saget."

Ein Bauer aus Dimbach, der regelmäßig in die Kirche kam und dort auch ebenso verlässlich einschlief, sagte mir ganz offen nach Nachfrage: "Wisset Se, Herr Pfarrer, wenn I en d'Ruah komm, fallet mir halt d'Auga zua". Und ein Rappacher Kirchengemeinderat kam jeden Sonntag in die Kirche nach Waldbach und wenn ich alle drei Wochen mittags in Rappach predigen musste, war er noch einmal dabei. Neugierig fragte ich ihn deshalb eines Tages: "Macht Ihnen das nichts aus, meine Predigt zweimal zu hören?" Worauf er erstaunt erwiderte: "A wa! Des haw i gar net g'merkt!" Solche Bekenntnisse können einen Pfarrer schon ein bisschen demütiger machen.

Damals rauchte ich auch noch Zigaretten, was einem Waldbacher Kirchengemeinderat arg missfiel. Einmal sagte er zu mir: "Herr Pfarrer, wenn dr liebe Gott g'wöllt hätt, dass dr Mensch raucht, hätt er em an Kamin an da Kopf no g'macht."14