Die Kanzel

Kanzel

Die 1618 fertiggestellte Kanzel befand sich bis zur Kirchenrenovierung 1960/61 an einem zentraler und prominenter gelegenem Platz an der Südwand zwischen den mittleren Kirchenfenstern. Dieser, von allen Bänken und Emporen aus einsehbare Standort machte die Kanzel zu einem "Ort der Verkündung". Diese Bedeutung lässt sich auch an Haltung und Gestus der vier an der Kan-zelbrüstung vollplastisch dargestellten Evangelisten ablesen; sie begegnen uns mit typischer Predigt- und Segnungs-Pose.

Verschiedene Indizien lassen auf eine akademische Ausbildung des Bildhauers Jakob Vockh aus Brettach schließen: Herkömmlicherweise wurden die Evangelisten in zeitgemäßer, d.h. in vermeintlich antiker Weise, mit einer Tunica bekleidet, dargestellt. Hier aber tragen sie zusätzlich modische Elemente ihrer Entstehungszeit wie Ledergürtel mit Schnalle und Knöpfe. Auch ihr Gesichtsausdruck und "Haarpracht" sind von bemerkenswerter Individualität und zeugen somit von der persönlichen Handschrift des Bildhauers.

> Auch die fünf Putten auf dem Sims des Kanzeldeckel sind vollplastisch und "auf Untersicht" geschaffen, d.h. die perspektivische Verkürzung durch den steilen Blickwinkel von Unten nach Oben ist bewusst mit einkalkuliert worden, was zur Folge hat, dass z.B. die Beine der Engelchen, von Vorne betrachtet, im Verhältnis zum restlichen Körper viel zu kurz scheinen.Weiterhin sind alle Skulpturen in nahezu klassischer Kontrapost-Haltung (Standbein-Spielbein) dargestellt: besonders eindeutig am Putto mit der Lanze zu erkennen, der stark an den antiken Speerträger von Polyklet erinnert. Besonders schön gestaltet ist das "schmückende Beiwerk" auf dem Deckel: Zwischen den auf Sockeln stehenden Putten befinden sich Schnitzereien, die abwechselnd eine geflügelte, von einem Tuch gehaltene Engelsmaske und einen Granatapfel zeigen; sie sind umgeben von Schnecken und Rollwerk, das in einer stilisierten Lilie gipfelt. Krönender Abschluss auf dem zweistöckigen, sechseckigen Schalldeckel (sogenannt wegen seiner Funktion als akustischer Reflektor für das gesprochene Wort) ist der Auferstehungschristus, der auf einer klassischen Säule mit Sockel und Kapitell steht. Diese ist umringt von sechs S-förmigen Voluten, in die Greifenköpfe eingearbeitet sind. Die Kanzel ist vollständig aus Holz geschaffen, Konstruktionsholz ist Fichte und stellenweise Eiche, die Skulpturen sind in Lindenholz geschnitzt, die dekorativen Elemente jedoch in Fichte. Der allgemeine Erhaltungszustand der Kanzel ist erfreulich gut, es gibt keine Fehlstellen oder erkennbare Schäden an Korpus, Skulpturen und Beiwerk, nur am Haupt Jesu fehlten die seitlichen Strahlen und an Händen und Buch der Evangelisten sind neuzeitliche Ergänzungen zu erkennen.

Sven Peters

Die Kanzel ist ein wichtiger Ort in einer evangelischen Kirche. Von hier aus predigen Pfarrerinnen und Pfarrer während des Gottesdienstes. Sie verkündigen die Botschaft Gottes, indem Sie einen Bibeltext für das Leben der Menschen auslegen.